Women Wage Peace

“Vielleicht beginnt Frieden mit dem Mut, anderen Menschen zuzuhören“

Dr Tagrid Yousef, eine Frau, die Frieden macht 

Am 7. Oktober 2023 befand ich mich gemeinsam mit meiner Tochter in Palästina. Was als Aufenthalt bei Familie und Freunden begonnen hatte, verwandelte sich innerhalb von drei Tagen in eine Situation, die unser Leben erschütterte und maßgeblich veränderte.

Die Nachrichten über den Terroranschlag der Hamas verbreiteten sich schnell. Angst lag in der Luft. Straßen wurden leer, Checkpoints verstärkt, Gewissheiten verschwanden, Siedler übernahmen die Macht auf den Straßen. Für meine Tochter war die Situation schrecklich. Sie hatte Angst – eine Angst, die kein Kind erleben sollte.

Auch ich hatte Angst.

Doch als Mutter blieb mir kaum Raum, meine eigene Angst zu zeigen. Ich habe schon viele Situationen bei meinem Aufenthalt in Palästina erlebt: Ausgangssperren, Militär im Dorf, Schikanen und Diskriminierung bei der Einreise und an den Checkpoints. Aber das war noch nie da. Meine Aufgabe war jetzt eine andere. Ich musste Halt geben, Zuversicht ausstrahlen und versuchen, Orientierung zu schaffen, während ich selbst nach Orientierung suchte.

Die Menschen in unserem Dorf begegneten uns mit großer Fürsorge. Sie versuchten, uns zu beruhigen, obwohl sie selbst nicht wussten, was die kommenden Tage bringen würden. Viele von ihnen kannten die Realität von Unsicherheit, Einschränkungen und plötzlichen Veränderungen des Alltags besser als ich. Ihre Menschlichkeit und ihre Hilfsbereitschaft werde ich nie vergessen.

Während andere Länder begannen, ihre Staatsangehörigen auszufliegen, befanden wir uns in einer schwierigen Situation. Die Ungewissheit darüber, ob und wann wir ausreisen könnten, belastete uns zusätzlich. Als deutsche Staatsbürger, mit palästinensischer Identität, gehörten wir leider nicht zu den Privilegierten, die ausgeflogen wurden. Und wieder Mensch zweiter Klasse! Schließlich gelang es uns, mit viel Hilfe von engen Freunden, über Jordanien auszureisen. Ganz plötzlich, ohne Abschied nehmen zu können.

Am 10. Oktober erreichten wir Amman.

Doch auch dort endete die Anspannung nicht. Die Nachrichten aus Israel und Palästina rissen nicht ab. Familien waren voneinander getrennt. Menschen bangten um Angehörige. Die Bilder von Gewalt, Leid und Zerstörung waren allgegenwärtig. Wir warteten auf unseren Rückflug nach Deutschland und versuchten gleichzeitig, mit Familie und Freunden in Kontakt zu bleiben.

Diese Tage haben mich verändert.

Als ich nach Deutschland zurückkehrte, wusste ich, dass ich nicht einfach zur Tagesordnung übergehen konnte. Ich wollte nicht nur Zuschauerin sein. Ich wollte einen Beitrag leisten – so klein er auch sein mochte.

Schon lange hatte ich die Arbeit von Women Wage Peace und Women of the Sun verfolgt. Immer wieder war ich auf ihre Initiativen gestoßen. Immer wieder beeindruckte mich der Mut dieser Frauen, die sich trotz aller Unterschiede und trotz eines jahrzehntelangen Konflikts für Dialog, Begegnung und Frieden einsetzen. 

Gleichzeitig erlebte ich, wie sich Deutschland veränderte. Rassismus, Diskriminierung und Antisemitismus nahmen zu. Palästinenserinnen und Palästinenser, Jüdinnen und Juden, Musliminnen und Muslime erleben seitdem extreme Anfeindungen. All dies erlebte und erlebe ich fast täglich am eigenen Leib und für mich war klar, dass ich hier aus meinem demokratischen Verständnis heraus, etwas verändern will. 

Nach dem 7. Oktober begegnete ich der Arbeit von Women Wage Peace und Women of the Sun und ihrer Arbeit erneut. Diesmal ließ mich der Gedanke nicht mehr los.

Während politische Debatten oft von Schuldzuweisungen, Ideologien und gegenseitigen Vorwürfen geprägt sind, hörte ich bei diesen Frauen etwas anderes: Menschlichkeit.

Sie sprachen über ihre Kinder. Über ihre Familien. Über ihre Ängste. Über ihre Hoffnung.

Sie sprachen nicht davon, wer gewinnen sollte.

Sie sprachen davon, wie Menschen leben können.

Es sind tausende von Frauen, in Palästina und in Israel, die sich in den Friedensbewegungen engagieren. Diese Frauen zeigen, dass Friedensarbeit nicht in Konferenzräumen beginnt.

Sie beginnt bei Menschen.

Bei Müttern, Töchtern, Großmüttern, Freundinnen und Nachbarinnen.

Bei Frauen, die sich weigern, die Hoffnung aufzugeben.

Die Frauen von Women of the Sun und Women Wage Peace stehen stellvertretend für unzählige Frauen, die weltweit jeden Tag Brücken bauen, zuhören, trösten, protestieren, beten, singen, organisieren und daran glauben, dass eine andere Zukunft möglich ist.

Diese Frauen lehren uns zuzuhören, ihren Stimmen Raum zu geben, wo sie allzuoft übersehen werden. Denn, hinter jeder Schlagzeile stehen Menschen.

Vielleicht beginnt Frieden nicht mit großen politischen Entscheidungen.

Vielleicht beginnt er mit dem Mut, andere Menschen anzuhören.

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